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Was ist uns die Bildung wert?

Freitag, 27.Oktober 2006 von

Bundespolitik, Landespolitik

Am 24. Oktober 2006 veranstaltete die SPD-Landtagsfraktion in Düsseldorf ein Forum zum Thema „Was ist uns die Bildung wert?“. Geladene Gäste waren Renate Hendrick, Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion in der Enquetekommission „Chancen für Kinder“, Prof. Dr. Klaus Klemm, Bildungsforscher der Uni Essen-Duisburg und Prof. Dr. Stefan Sell, Bildungsökonom an der der Fachhochschule Koblenz.

SPD-LandtagsfraktionRenate Hendrick stellte klar, dass Bildung das Zukunftsthema ist. Fast alle EU-Länder investieren mehr in Kinder/Bildung als Deutschland. Sie stellte jedoch die Frage auf, wer die Kosten übernehmen sollen? Und: Was sind uns Kinder wert? Welche Lebensphase braucht welche Förderung? Die Teilnehmerin der Enquetekommission stellte fest, dass Deutschland kein Erkenntnisproblem aber ein Bewertungsproblem hat, genauer gesagt ein Interpretationsproblem der Studien. Auf der Klausurtagung der SPD-Fraktion wurde erkannt, dass die frühkindliche Bildung und Ganztagsbetreuung gefördert werden muss, damit Deutschland den Anschluss nicht verpasst. Renate Hendrick betonte ebenfalls, dass in keinem Land soviel Geld für Kinder in der Jahrgangsstufe II ausgegeben wird, wie in der Bundesrepublik.

Prof. Dr. Klemm begann sein Referat mit einem kurzen Überblick über die Seminare die er an der Uni leitet und die teilweise mit 280 Studierenden belegt sind. Diese Zahlen seien erschreckend und zeigen die Probleme im Hochschulleben auf, die nicht nur CDU und FDP verursacht haben. Im Weiteren teilte Prof. Klemm sein Referat in zwei Abschnitte ein. Zuerst widmete er sich dem Status quo der Bildungsfinanzierung. Er stellte dabei folgendes fest:

  • Ausgaben des BIP für Bildung:
    Deutschland: 4,4% (NRW: 4,3%), OECD-Durchschnitt: 5,1% (auch ärmere Länder!)
  • Personalausgaben in Deutschland 79%, in Schweden 63%. In Schweden wird viel mehr Geld für die Ausstattung investiert.
  • SchülerInnen im Sekundarbereich nutzen 134% der Grundschuldgelder, im OECD-Durchschnitt sind es nur 129%.
  • Die durchschnittliche Ausbildungszeit (mit dem Hochschulleben, Praktika, etc.) beträgt in Deutschland 6,5 Jahre, im OECD-Durchschnitt nur 4,7 Jahre.

Prof. Dr. Klemm stellte fest, dass zu wenig Mittel vorhanden sind, und diese dann falsch verteilt und zu lang gestreut werden.
Im zweiten Teil sprach der Bildungsforscher dann konkret einzelne Aspekte in Deutschland an. Die Demographieentwicklung hat auch Vorteile: so spricht Prof. Klemm von einer „Demographie-Rendite“, also von weniger Kosten durch weniger Kinder. Durch maßvolle Erweiterung und genau dieser Rendite kann das Bildungssystem enorm optimiert werden. Er stellte ein Modell für Ausgabenveränderung vor.

SPD-LandtagsfraktionAls dritter Referent widmete sich Prof. Dr. Sell vor allem der Kindertageseinrichtungen. So existieren momentan 9.300 Kitas mit 558.000 Plätzen für Kinder. Mehr als 1/4 der Angestellten sind über 45 Jahre, 50% sind zwischen 25 und 45. Somit ist nicht nur die Ausbildung wichtig, es muss jetzt auch viel in der Weiterbildung gemacht werden. Prof. Sell stellte die „Logik-Studie“ vor. Bei dieser Studie wurden 200 Kinder über 20 Jahre beobachtet. Der bildungstechnische Unterschied bei einzelnen 3-4-jährigen Kindern ist zwanzig Jahre später genau gleich. Das Ergebnis ist somit, dass frühkindliche Phase sehr ernst genommen werden muss. Die besten Pädagogen müssen genau dann eingesetzt werden, denn nirgendwo sei die Plastizität größer als zu dieser Zeit. Der Bildungsökonom stellte den sog. Bildungstrichter vor. Von 100 Kindern aus der „hohen sozialen Schicht“ erreichten 85 das Abitur und 81 besuchten eine Hochschule. Auf der anderen Seite besuchten von 100 Kindern aus der „tiefen sozialen Schicht“ nur 11 eine Universität oder FH.

Prof. Dr. Sell forderte, dass die Anzahl der Kinder bei einer Kita um mind. 1/3 schrumpfen müsse und dass es mehr Lehrstühle an Universitäten geben muss, die sich um frühkindliche Bildung kümmern. Außerdem sprach er Finanzierungsprobleme an:
Nur 0,5% der öffentlichen Ausgaben (3,2 Mrd. Euro in NRW) werden in Kitas investiert. Das Geld müsste verdoppelt werden. Neben der Unterfinanzierung gibt es aber auch Fehlfinanzierungen: 75-80% der Finanzierung übernehmen die Kommunen, Bund und Länder müssen die Städte unterstützen. Der Bildungsökonom forderte keine Pauschalfinanzierung. Bei der Pauschalfinanzierung lastet ein großer Druck auf den Einrichtungen und die Kitas vor Ort müssen sich überlegen, welche Kinder sie aufnehmen können und welche nicht. Stattdessen muss die Bundesebene in die Regelfinanzierung. Sogar in den USA, und natürlich auch in Skandinavien, gibt es eine Steuer für frühkindliche Erziehung. Das Geld darf jedoch nicht einfach an die Kommunen weitergereicht werden, es muss zweckgebunden ausgegeben werden. Prof. Sell schätzt das Volumen auf ca. 5 bis 6 Mrd. EUR, das der Bund übernehmen müsste.

3 Kommentare

  1. Anke sagt:

    Die Zahlen belegen mal wieder die Tatsachen die uns
    allen schon bekannt sind. Aber leider ist die Politik immer noch nicht auf die Idee gekommen, endlich mehr effektiv in Bildung zu investieren.

  2. Henning sagt:

    Ja, vor allem: Jetzt ist mal Geld da. 10 Mrd Überschüsse der BA, 26 Mrd Einnahmen durch +3% MwSt. Aber Steinbrück rückt ja nix raus…

  3. Christoph sagt:

    Ich finde an dem Artikel aber auch interessant, dass der demographische Wandel für die Finanzierung eines neuen Bildungssystems von Nutzen sein kann. Ist ja auch irgendwie klar: weniger Geburten=weniger “Bildungsbedürftige”. Aber da hat noch niemand drüber geredet…

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