Jugend NICHT zu blöd zur Ausbildung
Die Jusos Kamen veranstalteten am 29. März 2007 die Auftaktveranstaltung der Forenreihe „Jugendarbeitslosigkeit“ unter der provokanten Fragestellung „Ist die Jugend zu blöd zur Ausbildung?“. Als sachkundige Gäste stellten sich Heinrich Behrens, Gesamtschulleiter der Geschwister-Scholl-Gesamtschule, und Jörg Hamann, Ausbildungsberater der Handwerkskammer Dortmund, den Fragen der JungsozialistInnen und der Besucher.
Die Arbeitslosenzahlen sinken von Monat zu Monat, doch macht sich diese positive Entwicklung auch bei den Jugendlichen vor Ort bemerkbar? „Teilweise ja“, meint Jörg Hamann, „in Kamen gibt es 30% mehr Ausbildungsstellen als 2005“. Der Ausbildungsberater berichtet, dass allerdings viele SchülerInnen ohne Abschluss nicht unterkommen und die jungen Menschen, die einen Hauptschulabschluss haben, interessieren sich zu einem großen Teil für „Lieblingsberufe“ wie Kfz-Mechatroniker oder den Friseurbetrieb, viele gute Alternativen werden vernachlässigt. Diese werden nur dann in Betracht gezogen, wenn sie z.B. für die Ausbildung als Kfz-Mechatroniker Absagen bekommen haben.
An der Geschwister-Scholl-Gesamtschule haben letztes Jahr 140 Schülerinnen und Schüler die Klasse 10 verlassen, davon besuchen nun ca. 35 die gymnasiale Oberstufe und genau 18 hatten eine Lehrstelle, der große Rest befindet sich nun in der Warteschleife der berufsbildenen Weiterbildung. „Für mich teilweise unverständlich, da ich einige davon persönlich sehr empfehlen kann“, erläutert Behrens.
Migrationshintergrund erschwert Job-Suche
Unverständnis zeigte Behrens gegenüber Unternehmen, die nur aufgrund des Namens einstellen. Eine türkische Schülerin hat sich mit den exakt gleichen Bewerbungsunterlagen bei dem gleichen Unternehmen beworben. Mit ihrem Namen „Songül“ wurde sie nicht zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen, mit einem deutschen Namen „Anna“ hingegen schon. „Es muss für MigrantInnen eine Ausbildungsplatzoffensive geben; viele Qualitäten gehen durch so ein Verhalten der Unternehmer verloren“, fordert der Schulleiter.
Perspektivlosigkeit oder falsche Vorbilder?
Vielen SchülerInnen muss Heinrich Behrens aber auch Berufskompetenzen absprechen, da sich die Ausbildungsplatzbewerber in „virtuellen Welten“ befinden und davon ausgehen, dass sich schon irgendjemand um sie kümmert. Jörg Hamann sieht auch das Problem in falschen Vorbildern: „Wenn die Mutter und der Vater arbeitslos sind, warum sollte das Kind dann freiwillig einen anderen Weg einschlagen?“ fragte der Vertreter der Handwerkskammer, „denn schließlich kann ein Unternehmer einen Ausbildungsplatzsuchenden nicht aus Mitleid einstellen“. Dass viele Voraussetzungen wie z.B. das Abitur als FriseurIn überzogen sind, konnte der Ausbildungsberater bestätigen, „allerdings wollen viele Arbeitgeber auch Nicht-AbiturientInnen, da sie nicht studieren können und vermutlich länger im Betrieb bleiben“.
Es wurde bemängelt, dass sich viele SchülerInnen keine Gedanken über die Zukunft machen. „Dies ist aber kein neues Problem, das gab es vor Jahrzehnten schon. Wenn der Sohn nicht wusste, was er machen soll, ging er einfach in den gleichen Betrieb, in dem auch der Vater gearbeitet hat und arbeitet dort bis er in Rente geht“, erläutert Behrens.
BUS – Beruf und Schule ein Ausweg?
An der Gesamtschule in Kamen wird z.B. das Projekt „Beruf und Schule“ mit Erfolg durchgeführt, dabei gehen die SchülerInnen nicht nur zur Schule, sondern bekommen direkt einen praktischen Eindruck in einem Unternehmen. „Dies ist sicherlich sehr gut für schulmüde Schüler – für generell faule Jugendliche bringt dies allerdings nichts“. Daher fordert Hamann auch mehr Kooperationen zwischen Wirtschaft und Schule: „Warum sollte nicht mal ein Maler in die Schulklasse kommen und die Anwendung bestimmter mathematischer Formeln in der Praxis erklären?“ fragte der Ausbildungsberater. Diese Idee konnte auch Behrens unterstützen und sieht vor allem auch die Gymnasien in der Pflicht: „Wenn ca. 50% der AbiturientInnen auf den dualen Ausbildungsmarkt strömen muss auch das Gymnasium mehr Berufsvorbereitung anbieten“.
Kritik an Vorhaben der Landesregierung
Ungefragt äußerten sich beide Experten sehr kritisch über die Vorhaben der Landesregierung. „Ich kann nur mit dem Kopf schütteln wenn ich an die Studiengebühren denke“ schimpfte Jörg Hamann und verweist auf den durch Abiturienten übersäten Ausbildungsmarkt. Auch Heinrich Behrens wünscht sich mehr Studierende, denn es fehle z.B. an bis zu 20.000 Ingenieuren. Beide waren sich einig, dass das Schulsystem generell überarbeitet werden muss. „Ganz Europa schmunzelt über unser 3-Töpfe-System“ fügt der Schulleiter an.









Montag, 2.April 2007 von Henning
Kamen, Presse